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Heu waschen - sinnvoll oder nicht?

  • vor 14 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Das Wässern von Heu gehört für viele Pferdehalter zum Alltag. Vor allem bei hustenden Pferden oder Pferden mit Stoffwechselproblemen wird Heu häufig eingeweicht, um Staub zu binden oder den Zuckergehalt zu senken.

Doch genau hier lohnt sich ein genauer Blick. Denn ganz so einfach ist das Thema leider nicht.


Heute schauen wir uns einmal an, was beim Wässern von Heu tatsächlich passiert, welche Effekte wissenschaftlich belegt sind und wo gleichzeitig mögliche Probleme entstehen. Dafür machen wir einen kleinen deep dive in verschiedene Studien.


Die aktuelle Studienlage zeigt relativ klar:

  • Bereits kurzes vollständiges Eintauchen (10 min.) reduziert die Staubbelastung massiv

  • Die Zuckerreduktion ist sehr unterschiedlich und kaum exakt vorhersagbar

  • Mineralstoffe und teilweise auch Protein gehen teilweise deutlich verloren

  • Die bakterielle Belastung steigt bei längerem Wässern stark an

  • Gewässertes Heu ist mikrobiell instabil und sollte schnell verfüttert werden

  • Viele Pferde fressen gewässertes Heu schlechter als trockenes oder bedampftes Heu


Grundsätzlich gibt es zwei Hauptgründe Heu zu wässern:


1. Staubreduktion bei Atemwegsproblemen

Bei Pferden mit gereizten Atemwegen oder equinem Asthma wird Heu häufig gewässert, um Staubpartikel und Schimmelsporen zu binden.


Hier zeigt die Studienlage sehr eindeutig: Schon kurzes vollständiges Eintauchen reduziert die Staubbelastung massiv. Teilweise wurden Reduktionen von 90–100 % der respirablen Partikel gemessen.


Das bedeutet: Für die reine Staubbindung braucht es meist kein stundenlanges Einweichen.


2. Zuckerreduktion bei EMS, Rehe oder Übergewicht

Der zweite große Einsatzbereich betrifft Pferde mit: EMS, Insulinresistenz, Hufrehe, Übergewicht oder Stoffwechselproblemen. Hier soll das Wässern helfen, wasserlösliche Kohlenhydrate (WSC) auszuwaschen.


Und genau hier wird es deutlich komplizierter. Denn die Studien zeigen zwar, dass Zucker reduziert werden kann, aber eben nicht zuverlässig oder exakt vorhersagbar.

Die Spannweite der gemessenen Verluste reicht je nach Studie und Heu von nahezu keiner Veränderung bis zu etwa 75 % Verlust.


Das bedeutet: Man kann nicht pauschal sagen: „Wenn ich Heu 30 Minuten oder 12 Stunden wässere, hat es danach garantiert einen bestimmten Zuckergehalt.“


Staubreduktion: Was wirklich sinnvoll ist

Wenn es primär um die Atemwege geht, reicht in vielen Fällen bereits ein kurzes vollständiges Eintauchen des Heus.


Viele Studien zeigen:

  • 5–10 Minuten reduzieren Staub bereits massiv

  • längeres Wässern bringt für die Lunge meist keinen zusätzlichen Vorteil

  • gleichzeitig steigen mit längerer Dauer die Nährstoffverluste und hygienischen Risiken


Wichtig ist dabei: Das Heu muss vollständig untergetaucht sein. Ein leichtes Begießen mit der Gießkanne reicht nicht aus, um respirable Partikel zuverlässig zu binden.

Das Heu sollte direkt verfüttert werden. Sobald nasses Heu wieder trocknet, können zuvor gebundene Staubpartikel erneut freigesetzt und eingeatmet werden.


Zuckerreduktion: Warum die Ergebnisse so unterschiedlich sind

Hier arbeiten viele Studien mit längeren Einweichzeiten zwischen etwa 9 und 16 Stunden.


Zusätzlich beeinflussen mehrere Faktoren das Ergebnis: Heuart, Ausgangszuckergehalt, Wassertemperatur, Wassermenge, Bewegung des Wassers, Einweichdauer.


Wärmeres Wasser scheint Zucker meist effektiver auszuwaschen als sehr kaltes Wasser.

Auch größere Wassermengen erhöhen die Auswaschung.

Trotzdem bleibt das Ergebnis extrem variabel.


Das große Problem: Nährstoffverluste

Viele Pferdehalter konzentrieren sich beim Wässern vor allem auf den Zucker. Dabei wird häufig vergessen, dass nicht nur Zucker ausgewaschen wird. Auch viele Mineralstoffe gehen teilweise massiv verloren.


Besonders betroffen sind unter anderem: Kalium, Phosphor, Natrium, Magnesium und Chlorid.


Teilweise zeigen Studien Verluste von über 50–70 %.

Auch Proteinverluste wurden in mehreren Untersuchungen beobachtet.


Für die Praxis bedeutet das: Wer dauerhaft gewässertes Heu füttert, sollte die Gesamtration sorgfältig betrachten und Mineralstoffe und Proteine entsprechend ausgleichen.


Hygienisches Risiko: Warum nasses Heu problematisch werden kann

Nun kommen wir zu einem Punkt, der häufig unterschätzt wird: der mikrobiellen Stabilität.

Sobald Heu feucht wird, verändern sich die Bedingungen für Mikroorganismen massiv.


Mehrere Studien zeigen:

  • die bakterielle Belastung steigt nach dem Wässern deutlich an

  • Hefen und Verderbniserreger vermehren sich schnell

  • besonders bei warmen Temperaturen wird das problematisch


Teilweise wurden nach Lagerung des nassen Heus Hefezunahmen von 500–600 % gemessen. Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes gewässerte Heu sofort gefährlich ist.


Aber: Gewässertes Heu ist hygienisch deutlich instabiler als trockenes oder korrekt bedampftes Heu. Und genau deshalb ist der Zeitfaktor so entscheidend.


Gewässertes Heu sollte möglichst direkt verfüttert werden.

Viele Untersuchungen empfehlen, nasses Heu nicht länger als etwa zwei Stunden liegen zu lassen.


Besonders kritisch wird es: bei warmen Temperaturen, in schlecht belüfteten Ställen, bei langer Lagerung und wenn Heunetze über Stunden hängen bleiben.


Viele Pferdehalter wässern Heu bereits am Vorabend. Aus mikrobieller Sicht ist das jedoch problematisch, denn das feuchte Milieu fördert die Vermehrung von Bakterien und Hefen massiv.


Für die Praxis bedeutet das:

  • möglichst frisch wässern

  • direkt verfüttern

  • keine großen Mengen vorbereiten

  • übrig gebliebenes Heu entsorgen


Was passiert eigentlich mit dem Waschwasser?

Auch darüber wird erstaunlich selten gesprochen.

Das Wasser enthält nach dem Wässern große Mengen: organischer Stoffe, Zucker, Pflanzenbestandteile, Mikroorganismen und Staubpartikel.


Studien zeigen, dass dieses Wasser eine extrem hohe organische Belastung aufweist. Der biologische Sauerstoffbedarf kann dabei deutlich höher liegen als bei ungeklärtem Abwasser.


Das bedeutet: Das Wasser sollte nicht mehrfach verwendet werden und möglichst sinnvoll entsorgt werden.


Akzeptanz: Viele Pferde mögen gewässertes Heu nicht

Auch das wurde wissenschaftlich untersucht.

Mehrere Studien zeigen, dass Pferde gewässertes Heu häufig schlechter akzeptieren als trockenes oder bedampftes Heu.


Wahrscheinlich spielen dabei mehrere Faktoren eine Rolle: Verlust von Zucker, veränderte Struktur, veränderte Geruchseigenschaften und eine andere Haptik.


Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Pferd gewässertes Heu verweigert. Aber die Akzeptanz kann durchaus sinken.


Wässern oder Bedampfen?

Gerade bei Atemwegserkrankungen lohnt sich oft auch ein Blick auf Heubedampfer, denn korrektes Hochtemperatur-Bedampfen reduziert Staub ebenfalls sehr effektiv. Im Gegensatz zum Wässern werden dabei jedoch Mikroorganismen reduziert statt gefördert. Zusätzlich bleiben Mineralstoffe deutlich besser erhalten.


Natürlich ist Bedampfen nicht für jeden Stall finanziell oder organisatorisch umsetzbar.

Trotzdem zeigt die Studienlage aktuell relativ klar: Für reine Atemwegsprobleme ist Bedampfen häufig die hygienisch sinnvollere Lösung.


Praxistipps für Pferdebesitzer

  1. Mineralfutter ist Pflicht: Da beim Wässern Mineralien massiv verloren gehen, musst du diese über ein passendes Mineralfutter unbedingt ergänzen.

  2. Sommer-Hygiene: Bei warmen Temperaturen vermehren sich Keime im nassen Heu explosionsartig. Lass gewässertes Heu niemals länger als 2 Stunden liegen.

  3. Keine Vorbereitung auf Vorrat: Wässere das Heu erst kurz vor der Fütterung.

  4. Restmengen entsorgen: Heu, das im Netz oder der Raufe getrocknet ist oder länger als ein paar Stunden im Stall liegt, sollte entsorgt werden und nicht mehr verfüttert werden.

  5. Heu-Analyse: Wenn du Zucker senken musst, verlass dich nicht blind auf das Wässern. Lass dein Heu analysieren, um den tatsächlichen Restzuckergehalt zu kennen.

  6. Alternative Bedampfen: Wenn du ein hustendes Pferd hast, ist ein High-Temperature-Steamer oft die bessere Wahl. Er reduziert Staub genauso effektiv, tötet aber Bakterien ab, statt deren Wachstum zu fördern, und schont die Mineralstoffe.


Wässern ist eine wertvolle Therapiehilfe, sollte aber kein Dauerzustand ohne kritische Prüfung der Gesamtration sein. Für die Gesundheit deines Pferdes gilt: So kurz wie möglich, so hygienisch wie möglich! Die Verfahren sollten immer nur eine Zwischenlösung sein, da sie nur das Symptom bekämpfen.


Genau hier ist eine ganzheitliche Betrachtung wichtig, denn Wässern bekämpft meist nur ein Symptom. Wenn ein Pferd dauerhaft Probleme mit „normalem“ Heu hat, sollte man sich immer auch fragen:

  • Wie ist die generelle Heuqualität?

  • Wie sieht die Haltung aus?

  • Liegt möglicherweise bereits eine chronische Atemwegserkrankung vor?


Auch bei stoffwechselkranken Pferden reicht es selten aus, nur den Zucker im Heu zu betrachten. Bewegung, Körpergewicht, Gesamtfütterung, Stress, Haltung und Stoffwechsel greifen immer ineinander.


Pferdegesundheit entsteht eben selten durch eine einzelne Maßnahme.


Ziel sollte es immer sein, zu einer normalen Heufütterung zurückzukehren, um Zeit, Kosten und Ressourcen (Strom und Wasser) zu sparen.


Um zu verstehen, welche Mengen an Nährstoffen und Staubpartikeln dabei eigentlich aus dem Heu ins Wasser „umziehen“ und wie sich das auf die Qualität deines Futters auswirkt, zeigt die folgende Übersicht die harten Fakten aus den Studien:  

Nährstoff / Komponente

% Zahl (Veränderung)

Quelle

Staub (lungengängig)

-60 %

Clements & Pirie (2007)

-71 %

Clements & Pirie (2007)

~ -100 %

Glatter et al. (2021)

Staub (respirabel)

-90 %

Moore-Colyer (1996)

-93 % bis -96 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

-99 %

Moore-Colyer et al. (2016)

-93 % bis -96 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

Staub (PM-Exposition)

> -50 %

Ivester et al. (2024)

Hefen

-11 %

Glatter et al. (2021)

+ 500 % bis + 600 %

Glatter et al. (2021)

-10 %

Zeyner et al. (2022)

-22 %

Moore-Colyer et al. (2014)

Schimmelpilze

-73 %

Glatter et al. (2021)

-22 %

Glatter et al. (2021)

Bakterien (TVC)

+ 50 % bis + 400 %

Moore-Colyer et al. (2014/2016)

Bakterien (typische)

-100 %

Glatter et al. (2021)

Metabolisierbare Energie

-5 % bis -15 %

Bochnia et al. (2021)

-10 % bis -20 %

Glatter et al. (2021)

-7 %

Zeyner et al. (2022)

Wasserlösliche Kohlenhydrate (Zucker)

-5 % bis -27 %

Longland et al. (2011)

-38 % bis -42 %

Moore-Colyer et al. (2020)

-51,4 %

Mack et al. (2014)

-32 %

Owens et al. (2019)

-25 % bis -47 %

Glatter et al. (2021)

-33 % bis -47 %

Argo et al. (2015)

-26 % bis -41 %

Longland et al. (2014)

-34 %

Moore-Colyer et al. (2014)

-20 % bis -75 %

Martinson et al. (2012)

0 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

-2 % bis -4 %

Warr & Petch (1992)

dünndarmverd. Rohprotein

-17 %

Bochnia et al. (2021)

-36 % bis -40 %

Zeyner et al. (2022)

-34 %

Glatter et al. (2021)

-35 %

Bochnia et al. (2021)

0 %

Mack et al. (2014)

0 %

Longland et al. (2011)

Rohprotein (CP)

-17 %

Bochnia et al. (2021)

+ 26,2 %

Argo et al. (2015)

-2,8 %

Mack et al. (2014)

+ 13 % bis + 26 %

Owens (2019), Argo (2015)

-1 %

Moore-Colyer et al. (2014)

+ 2 % bis + 5 %

Longland et al. (2014)

-1,5 % bis -2 %

Warr & Petch (1992)

Calcium (Ca)

-24 %

McGowan et al. (2013)

-21,5 %

Mack et al. (2014)

-25,7 %

Argo et al. (2015)

-3 %

Zeyner et al. (2022)

-9 %

Glatter et al. (2021)

+ 32 %

Owens et al. (2019)

0 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

Phosphor (P)

-51 %

McGowan et al. (2013)

-48,7 %

Mack et al. (2014)

-42,9 %

Argo et al. (2015)

-25 %

Zeyner et al. (2022)

-52 %

Bochnia et al. (2021)

0 %

Owens et al. (2019)

-24 % bis -33 % %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

Magnesium (Mg)

-31 %

McGowan et al. (2013)

-38,6 %

Mack et al. (2014)

-11 % bis -15 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

-8 %

Zeyner et al. (2022)

+ 43 %

Glatter et al. (2021)

+ 11 %

Owens et al. (2019)

Natrium (Na)

-46 %

McGowan et al. (2013)

+ 26 %

Zeyner et al. (2022)

+350 %

Glatter et al. (2021)

+ 75 %

Owens et al. (2019)

-36 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

-64,6 %

Mack et al. (2014)

Kalium (K)

-63 %

McGowan et al. (2013)

-43 %

Zeyner et al. (2022)

-45 %

Glatter et al. (2021)

-43 %

Owens et al. (2019)

-30 % bis -40 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

-46 % bis -52 %

Watts & Sirois (2003)

-65,7 %

Mack et al. (2014)

-41 %

Owens et al. (2019)

Schwefel (S)

-23,9 %

Mack et al. (2014)

Chlorid (Cl)

-63 %

McGowan et al. (2013)

-72,4 %

Mack et al. (2014)

Eisen (Fe)

+ 47,9 %

Argo et al. (2015)

+ 13 %

Glatter et al. (2021)

+ 52 %

Owens et al. (2019) ,

+ 28 %

Mack et al. (2014) ,

0 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

Zink (Zn)

-13 %

Zeyner et al. (2022)

-4 %

Glatter et al. (2021)

+ 16 %

Owens et al. (2019)

-12,9 %

Mack et al. (2014) ,

0 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

Kupfer (Cu)

-25 %

Zeyner et al. (2022)

+ 38 %

Glatter et al. (2021)

+ 16 %

Owens et al. (2019) ,

0 %

Mack et al. (2014) ,

-27 % bis -30 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

Mangan (Mn)

-12 %

Zeyner et al. (2022)

+ 68 %

Glatter et al. (2021) ,

+ 13 %

Owens et al. (2019)

-17,5 %

Mack et al. (2014) ,

0 %

Blackman & Moore-Colyer (1998)

Vitamin E

+ 24,2 %

Argo et al. (2015)

Vitamin A

0 %

Argo et al. (2015)

Vitamin D3

0 %

Argo et al. (2015)

Und hier auch noch eine Übersicht zur Vorgehensweise beim Heuwässern, die die verschiedenen Protokolle für Staub- und Zuckerreduktion sowie die kritischen Faktoren Zeit, Temperatur und Lagerung gegenüberstellt:

Vorgehensweise

Einweichdauer

Wassertemperatur

Lagerdauer (nach dem Wässern)

Effekt (Nutzen & Risiken)

Quelle

Staubschutz(Asthmatiker)

5–10 Min.

~16 °C

Sofort verfüttern

Reduktion lungengängiger Partikel um 90–99 %.

Moore-Colyer (2016), Vervuert (2018)

Zuckerreduktion (Kurzzeit)

15–30 Min.

~12–20 °C

Sofort verfüttern

Erste Reduktion von Zucker (WSC) um 17–32 %; geringere Keimbelastung als bei Langzeitwässern .

Bochnia (2021), Owens (2019)

Zuckerreduktion (Langzeit)

9–16 Std.

~16 °C (Sommer)

Sofort verfüttern

Maximaler Zuckerverlust (bis ~50 %), aber massive Keimvermehrung (bis zum 5-fachen) bereits während des Einweichens .

Longland (2011), Moore-Colyer (2014)

Winter-Protokoll

Bis 16 Std.

~8 °C (Winter)

Sofort verfüttern

Deutlich geringerer Zuckerverlust (nur ~28 %) als bei sommerlichen Temperaturen .

Longland (2011/2014)

Hygiene-Warnung (Lagerung)

Beliebig

Beliebig

12–24 Std.

Hefe-Explosion (+500–600 %); Heu wird hygienisch instabil und gefährlich für die Verdauung .

Glatter (2021)


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